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FINANCE Magazin Top-Restrukturierer Serie: Michael Baur im Portrait

Michael Baur: der Extrovertierte

Er stellte zuletzt Benteler wieder auf die Beine - früher als geplant. Michael Baur ist ein wandelbarer Restrukturierer, der nicht nur in der Automobilindustrie durchgreift.

13. Dezember 2023 - von Esra Laubach, FINANCE Magazin

Immer wieder muss er seine Rolle neu ausschmücken. Als Chief Restructuring Officer, kurz CRO, schlüpft Michael Baur in verschiedene Modi, um Unternehmen aus der Krise herauszuhelfen. Um leistungsschwache Unternehmen wieder auf die erfolgreiche Bahn zu bringen, wandelt er sich wahlweise auch zum CEO oder CFO.

Seine Wandelbarkeit erstreckt sich nicht nur auf unterschiedliche Rollen, er ist während seiner über 30-jahrigen Karriere auch in unterschiedlichen Branchen fachkundig geworden. Seine Spezialkenntnisse reichen über die Sektoren Industriegüter, Energie, Einzelhandel, Konsumgüter, Telekommunikation und Medien bis hin zu Automotive.

Besonders prominent war in jüngster Zeit sein Einsatz beim angeschlagenen Automobilzulieferer Benteler. In Salzburg, dem Hauptsitz des milliardenschweren, eigentlich deutschen Unternehmens, war er als CRO und Vorstandsmitglied tätig.

Benteler schloss Restrukturierung frühzeitig ab

Der 55-jährige Baur ist Global Vice Chairman bei AlixPartners und stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft für Restrukturierung TMA. Er hat sich auf finanzielle und operative Umstrukturierungen und Transformationen spezialisiert.

Seine langjährige Erfahrung kam dem Automobilzulieferer Benteler zuletzt zugute: Die Österreicher konnten ihre Restrukturierung unter CRO Baur frühzeitig abschließen - trotz Coronavirus-Pandemie, Ukraine-Krieg und Inflation. Er stieß Anfang 2021 in einer Phase zu Benteler, in der die finanzielle Restrukturierung frisch eingetütet war. In den Händen des AlixPartners-Beraters lag nun die operative Transformation und das oberste Ziel, das Ergebnis des Konzerns zu verbessern.

Seit Mai dieses Jahres steht Benteler nun wieder auf festem Boden. Bis 2028 ist der Automobilzulieferer nun ausfinanziert. Ende April hatte er Anleihen in Höhe von umgerechnet 975 Millionen Euro emittiert. In Kombination mit neuen Kreditlinien wurde die seit 2020 bestehende Finanzierung so durch eine reguläre, bis 2028 laufende Finanzierung ersetzt. Der Schritt war ursprünglich erst für Ende 2024 vorgesehen, damit gelang Benteler die Finanzrestrukturierung laut CEO Ralf Göttel "knapp zwei Jahre früher als ursprünglich geplant". Die Refinanzierung glückte, ist im neuen Zinsumfeld aber teuer geworden. Nun muss das Familienunternehmen beweisen, dass es wieder in eine stabilere Lage hineinwächst.

Operative Transformationserfolge von Benteler

Zur Restrukturierung unter Baur gehörte im operativen Geschäft vor allem eins: effizientere Prozesse. Diese steigerte das Unternehmen durch einheitliche IT-Lösungen - vom Lieferkettenmanagement über die Qualitätssicherung bis zur Instandhaltung. Außerdem glückte ein stärkerer Zuschnitt auf E-Mobilität und hierfür neu entwickelte Produkte, unter anderem Batteriekühlplatten.

Mit dem Ziel, das Ergebnis des Konzerns zu verbessern, ist Baur angetreten und hat dies voll und ganz erfüllt: Die Salzburger konnten ihren Umsatz von 7,3 Milliarden Euro im Jahr 2021 auf 9 Milliarden Euro im Jahr 2022 steigern, das operative Ergebnis vor Abschreibungen (Ebitda) konnte das Unternehmen mehr als verdoppeln, von 332 Millionen Euro auf 703 Millionen Euro.

Baur teilt seine Erfahrungen und Erfolge

Baur zeigt auch der Öffentlichkeit, was in einer Restrukturierung möglich ist. Es sind ganz persönliche, zugewandte Gedanken zum Benteler-Erfolg, die nahezu demütig klingen, die er mit seinen Kontakten auf der Business-Plattform Linkedin teilt: “lch bin sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte, die Benteler Gruppe als Chief Restructuring Officer und Vorstandsmitglied auf diesem erfolgreichen Weg der operativen und finanziellen Restrukturierung aktiv zu unterstützen!”

Und er erklärt allgemeingültig, welcher Faktor die Initialzündung zu einer erfolgreichen Restrukturierung gibt: “Als Managementteam ist man bei einer Restrukturierung auf Gedeih und Verderb zusammen.” Die “effektive und vertrauensvolle Zusammenarbeit” mit seinen Vorstandskollegen Ralf Göttel und Tobias Braun sei “ein wesentlicher Erfolgsfaktor” gewesen.

Gratulationen an alle Benteler-Mitarbeiter “zu dieser herausragenden Leistung” und eine Danksagung an alle Gremien, Partner und Kunden von Benteler sowie an sein eigenes Team zeichnen einen feinsinnigen Teamplayer.

Doch das Hochgefühl währt bei Baur nicht sonderlich lange, erzählt er gegenüber FINANCE: “Die Freude an einem erfolgreichen Abschluss eines Turnarounds, beispielsweise durch eine vollständige Refinanzierung, ist natürlich auch sehr befriedigend. Dieses Glücksgefühl währt aber meistens nur kurz, bis der nächste Notruf eingeht und alles wieder von vorne losgeht.”

Baur agiert als extrovertierter Zuhörer

Der Münchner Restrukturierer zeichnet als größte Herausforderung seiner Arbeit die Balance zwischen Entscheidungsstärke und Empathie: In der ersten Phase einer Unternehmensstabilisierung liege ein “unheimlicher Situationsdruck” auf seinen Schultern. Der Weg zum Erfolg liege darin, trotz der Anspannung eine produktive Kollaboration zwischen der Geschäftsführung und den externen Restrukturierern herzustellen. "Dafür hilft es, trotz der unabdingbaren Entscheidungsstärke als CRO weiterhin ein guter Zuhörer zu bleiben und mit positiver Führungsstärke alle wesentlichen Stakeholder auf die notwendige Transformation einzuschwören und mitzunehmen."

Seit rund 20 Jahren ist Baur bei AlixPartners

Michael Baur agiert seit 2004 unter dem Dach von AlixPartners. Seit 2022 ist er Global Vice Chairman. Zuvor hatte er mehrere Führungspositionen inne, unter anderem als German Country Leader, Global Co-Leader der Turnaround & Restructuring Services Practice und Head of EMEA. AlixPartners hat sich seit dieser Zeit auch als Top-Adresse für Restrukturierungsberatung neben Roland Berger und FTI-Andersch fest etabliert. Dass die schwierigen Beratungsmandate Märklin und Schieder Möbel inzwischen nahezu vergessen sind, sei auch ein Verdienst Baurs, sagt ein Branchenkenner.

Baur startete einst als Senior Consultant bei Arthur Anderson. Drei Jahre später zog es ihn als Strategy Consultant zu Roland Berger, wo er auch zum Partner ernannt wurde. Zwischen 2002 und 2004 war er als COO und CFO bei Edel Germany, bevor er zu AlixPartners kam.

Baurs herausforderndster Fall

Mehrere groß angelegte nationale aber auch internationale Restrukturierungs- und Transformationsprojekte sowohl bei mittelständischen Unternehmen als auch bei Großkonzernen hingen bereits an den Entscheidungen von Baur: von Effizienzsteigerungsprogrammen eines großen internationalen Energietechnikkonzerns über die Leitung des Konzern-Treasury und Konzern-Controlling von Karstadt Quelle bis zu der Leitung der Restrukturierung des größten saudi-arabischen Stahlherstellers als Corporate Turnaround Leader.

Als einen seiner herausforderndsten Fälle nennt Baur “die Fertigstellung des in die Krise geratenen ersten Offshore-Windpark-Projektes in der deutschen Nordsee, Bard Offshore 1.” Der Windpark ist der zu jenem Zeitpunkt am weitesten von der Küste entfernte Windpark, rund 100 Kilometer von der Küste wurden 80 Windturbinen errichtet. Die lnvestorensuche gestaltete sich schwieriger als geplant.

Das Projekt wurde mit fast 3 Milliarden Euro Investitionskosten deutlich teurer als geplant als Baur an die Bard-Spitze gekommen war. Banken wie die Hypovereinsbank hatten massiv Geld im Feuer des innovativen Projekts. Zwischen 2010 und 2014 war Baur schließlich als Interims-CEO gesetzt.

Michael Baur (v.r.) und der ehemalige Vizekanzler und Wirtschaftsminister Philipp Rösler sowie UniCredit Vorstand Lutz Diederichs bei der offiziellen Eröffnung von Bard Offshore 1 im August 2013. Foto: Michael Baur

AlixPartners habe auf Basis ihres Turnaround-Konzepts das notwendige Kapital fur die Fertigstellung der 80 Windturbinen in eigener Produktion von den Finanzierungsgebern erhalten. “lch wurde von den wesentlichen Stakeholdern persönlich als Interims-CEO gebeten, die im Sanierungsgutachten definierten finanziellen und zeitlichen Meilensteine für Produktion und Errichtung der 80 Windturbinen sicherzustellen. Den Windpark haben wir Dank eines enormen Kraftaktes aller Bard-Mitarbeiter dann auch im Budget abgeliefert und pünktlich an den Kunden übergeben.”

Auch diesen Erfolg teilt Baur noch neun Jahre nach der Fertigstellung auf Linkedin und zeigt sich auf Fotos in Schutzkleidung mit Schutzhelm mitten auf der Nordsee, Hände schüttelnd und als konzentrierter Zuhörer. Er schreibt als Schlusssatz des Posts: "Eine herausragende Leistung aller Bard-Offshore-Mitarbeiter, die auch im neunten Jahr nach Fertigstellung Beifall verdient."

Baur ist wieder in der Windkraft-lndustrie aktiv

Wenige Monate nach der erfolgreich abgeschlossenen Restrukturierung des Automobilzulieferers Benteler widmet sich Baur erneut der Windkraftbranche. Ein Sektor der seines Erachtens "gesellschaftlich absolut sanierungswürdig ist". Es brauche "performante europäische Windkraftunternehmen, um die avisierte Energiewende unabhängig von asiatischen Unternehmen eigenständig lokal umsetzen zu können." Als erfahrener und extrovertierter Restrukturierer hat er die Zügel in der Hand, allen mit der Branche gekoppelten Personen aufzuzeigen, was wirtschaftlich möglich ist.

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