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Sturmwarnung für den deutschen Glasfasermarkt – Was Kreditgeber jetzt wissen müssen

Über die letzten Jahre hat der deutsche Glasfasermarkt ein dynamisches Wachstum erlebt, angetrieben von hohen Gewinnerwartungen, politischer Agenda (z.B. die "Gigabitstrategie" der Bundesregierung), milliardenschweren Finanzierungen zu niedrigen Zinsen und einer ständig steigenden Zahl neuer Markteintritte. Dieser Enthusiasmus ist jedoch einer ernüchternden Realität gewichen: Trotz eines Investitionsrekords in 2023 steht der deutsche Glasfasermarkt aktuell vor einer Vielzahl finanzieller und operativer Herausforderungen. 

Gegenwind für deutsche Glasfaserunternehmen

Wenngleich der Markt weiterhin Potenzial bietet und der Ausbau von Homes Passed1 und entsprechende Finanzierungsrunden weiter stattfinden, hat sich das Marktumfeld doch grundlegend verändert. Aktuelle Kernherausforderungen sind: 

  • Anhaltend hohe Inflation, die zu einem erheblichen Anstieg der Material- und Arbeitskosten führt und gleichzeitig die Verbraucherausgaben einschränkt.
  • Steigende Zinssätze, die den Zugang zu Kapital und anstehende Refinanzierungen erheblich verteuern und erschweren.
  • Umsatzentwicklungen, die deutlich hinter Plan liegen, da private Haushalte ihre Budgets für vergleichsweise teure Glasfaseranschlüsse nicht „reduzieren“ („cost of living crisis“).

Darüber hinaus sind Glasfaseranbieter mit operativen Herausforderungen konfrontiert. Für viele erweist sich der Ausbau und insbesondere die Umwandlung von Homes Passed[1] in Homes Connected[2] (und schlussendlich: zahlende Kunden) als wesentlich kostspieliger und zeitaufwändiger als oft in Business Cases angenommen. Dies spiegelt sich auch in der Zahl der Glasfaseranschlüsse wider: Der Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten e.V. (VATM) prognostizierte für Ende 2023 bei ca. 42 Mio. Haushalten und 4 Mio. Unternehmen in Deutschland nur ca. 16 Mio. Homes Passed, von denen wiederum nur ca. 8 Mio. tatsächlich angeschlossen sein sollten (Homes Connected). Dies entspricht einem Wachstum von ca. 3 Mio. Haushalten im Vergleich zu Ende 2022, was leicht unter dem Durchschnitt der letzten beiden Jahre liegt. Der Anteil der tatsächlich aktivierten Anschlüsse, und damit der zahlenden Kunden, soll mit ca. 4 Mio. (ein Zuwachs von ca. 800T Haushalten) weiterhin deutlich unter den Homes Connected gelegen haben.

Während die Haushalte in ihren Ausgaben restriktiver werden, ringen die Unternehmen auf operativer Seite weiterhin mit einem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, regulatorischen Anforderungen (trotz Verbesserungen im Jahr 2023 – DIN 18220) und Genehmigungsverfahren beim Ausbau. Ein zunehmender Wettbewerb, aggressive Ausbau-Strategien der etablierten Unternehmen und (potenzieller) Überbau erhöhen zusätzlich den Druck. 

Viele der ursprünglichen Business Pläne müssen nun nachgebessert und die darauf basierenden Unternehmensbewertungen – welche lange auf der Anzahl der Homes Passed als Schlüsselgröße beruhten – angepasst werden. Wir beobachten Abschläge von 30% und mehr. 

Weitere Insolvenzen und eine Konsolidierungswelle zeichnen sich ab

In Folge dieser Entwicklungen geraten immer mehr Glasfaseranbieter in finanzielle Schräglage. Erste Verwerfungen waren bereits mit den Insolvenzen von HeLiNet (Februar 2022), HelloFiber (Januar 2023) und Glasfaser Direkt (Februar 2023) zu beobachten. Angesichts der zunehmenden Herausforderungen im Markt wird sich dieser Trend voraussichtlich fortsetzen und vermutlich sogar beschleunigen. 

Unsere Erfahrung in ähnlichen Situationen zeigt, dass Unternehmen nicht selten binnen weniger Monate von einer soliden Verfassung in finanzielle Notlage rutschen können – oft zur Überraschung von Investoren und Kreditgebern zugleich.

Beobachtungen aus dem britischen Glasfasermarkt, welcher dem deutschen in vielen Aspekten ähnelt, aber weiter fortgeschritten ist, unterstreichen unsere Erwartungen. In Großbritannien zeichnet sich eine Konsolidierungswelle ab. Während einige Anbieter Insolvenz anmelden, wie bspw. Broadway Partners im Mai 2023, werden andere von Wettbewerbern (z.B. People's Fiber durch Swish Fiber im Januar 2022) oder von Infrastruktur-fokussierten Private Equity Unternehmen übernommen (z.B. Trooli durch Vauban Infrastructure im April 2023). Käufer profitieren bei gezielten Akquisitionen notleidender Unternehmen von einem schlagartigen Wachstum ihrer Netzwerkinfrastruktur zu deutlich geringeren Kosten, da der eigentliche Ausbau entfällt. Verkäufer und Investoren sehen auf der anderen Seite jedoch einen entsprechend deutlichen Bewertungsabschlag.

Kreditgeber müssen sich wappnen

Angesichts der zunehmenden Dynamik im deutschen Glasfasermarkt sind auch Kreditgeber aufgerufen, wachsam zu sein und sich entsprechend zu wappnen. Zur Absicherung bestehender Finanzierungen kommt es jetzt darauf an, auf Frühindikatoren zu achten, Portfoliorisiken genau zu beobachten und Gegenmaßnahmen frühzeitig zu ergreifen. 

Wichtige Maßnahmen sind:

  • Regelmäßige, kritische Überprüfungen und, wo nötig, Überarbeitung der Business Pläne von Portfoliounternehmen (z.B. alle 3-6 Monate)
  • Anpassung relevanter Kennzahlen für eine realistischere Performance-Bewertung (z.B. Umstellung von "Homes Passed" auf "Homes Connected")
  • Verschärfung der „Covenant“-Regelungen (z.B. hinsichtlich Eigenkapital-anforderungen und Kreditlimits) entsprechend der veränderten wirtschaftlichen Situation von Portfoliounternehmen
  • bei Verstößen gegen die „Covenant“-Regelungen ggf. eine stärkere Einflussnahme, um notwendige Änderungen zeitnah durchzusetzen
  • Prüfung der strategischen Optionen bzgl. weiterer Investments, Ausstieg, Konsolidierungsszenarien, etc.

Bei neuen Finanzierungen sind Kreditgeber gefordert, die Qualität ihrer Due Diligences weiter zu erhöhen, um die Realisierbarkeit von Business Plänen zu prüfen und entsprechende operative Fähigkeiten der Zielunternehmen sicherzustellen. Nur so kann erreicht werden, dass die finanzierten Unternehmen auf der Gewinnerseite einer möglicherweise bevorstehenden Marktkonsolidierungswelle stehen werden.


 [1] Homes Passed bezeichnet die Anzahl der Gebäude, die potenziell an die Glasfaserinfrastruktur angeschlossen werden könnten. Dies beinhaltet daher auch Gebäude, die nicht an das Glasfasernetz angeschlossen, aber innerhalb der Reichweite des Netzes sind (z.B. wenn Glasfaserleitungen lediglich in der Straße, aber nicht bis zum Gebäude verlegt sind)

[2] Homes Connected bezeichnet die Anzahl der Gebäude, die tatsächlich technisch an das Glasfasernetz angeschlossen sind und Services faktisch in Anspruch nehmen können. Das KPI reflektiert jedoch (noch) nicht die tatsächlich zahlenden Kunden.

Trotz eines Investitionsrekords in 2023 steht der deutsche Glasfasermarkt aktuell vor einer Vielzahl finanzieller und operativer Herausforderungen.

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